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Neue Westfälische, 04.03.2010
Lernen in der Schule, die rollt - Zugfahren leicht gemacht: Senioren testen die Schulung "Bahnfrei 60 Plus"
Irgendwo auf den Gleisen zwischen Paderborn und Herford lösen diese Worte des Polizeioberkommissars bei 30 Senioren Bestürzung aus. Um unabhängig reisen zu können, haben sie sich für eine Mobilitätsschulung in der WestfalenBahn angemeldet. Im Laufe des Dienstags wird ihnen klar, dass auch ihre Sicherheit dabei eine Rolle spielt.
„Sie sind nicht die beliebteste Zielgruppe für Taschendiebe“, stellt Holtkamp nach seiner dramatischen Eröffnung klar. „Aber Sie sind gefährdet. Denn sie sind gutgläubig und erkennen Gefahrensituationen nicht.“ Betretenes Schweigen macht sich im Abteil breit. In die Stille hinein erklärt der Oberkommissar den Senioren die beliebtesten Tricks der Betrüger und wann sie als Reisende misstrauisch werden sollten: bei übergroßer Hilfsbereitschaft zum Beispiel. „Da bietet Ihnen jemandand an, gemeinsam Ihren Koffer auf die Gepäckablage zu heben. Sie strecken sich, blicken nach oben - und schon hat der Komplize ihre Handtasche vom Sitz mitgehen lassen.“ Ein weiterer Klassiker der Taschendiebe: künstliches Gedränge zu erzeugen und im Chaos zuzugreifen. „Das ist mir
auch passiert“, sagt die 84-jährige Agnes Berning entrüstet. „Beim Einsteigen in den Zug nach Münster.“ „Und ich gehe jede Wette ein, dass sie nichts gemerkt haben – bis sie das Portmonee das nächste Mal brauchten“, sagt Holtkamp. Genauso ist es. Um seine aufmerksamen Zuhörer bestmöglich zuschulen, erläutert der Oberkommissar die typischen Irrtümer von Diebstahlopfern. „Den Kardinalfehler demonstriere ich gleich mal“, sagt der Polizist, schnappt sich mit deren Erlaubnis Rezia Gieffers Tasche, öffnet sie. „Das dachte ich mir: Portmonee und Schlüssel liegen griffbereit ganz oben. Die Apfelschorle ist sicher unten verstaut.“ Einsichtig nickt die Bürenerin, während andere Damen verstohlen anfangen, in ihren Handtaschen zu kramen. Der Schutz vor Kriminellen ist jedoch nur ein Thema der Schulung. Nach einer Pause in Herford macht sich die Gruppe per Zug auf den Rückweg nach Paderborn und Holtkamp übergibt die Senioren an den Schulungsleiter der WestfalenBahn, Martin Sölter. Bei ihm ist es nichts mit dem gemütlichen Sitzen in den Sesseln des 1.-Klasse-Abteils. Stattdessen wandert die Gruppe durch den Zug und klappert eine für Senioren oftmals problematische Station nach der anderen ab: Notruf, Toilette, Einstieg. „Viele ältere Menschen sind jahrzehntelangnur Auto gefahren“, sagt Sölter. „Nach den ganzen technischen Neuerungen der vergangenen Jahre müssen sie das Zugfahren jetzt ganz neulernen.“ Erster Halt: die Türen. Denn viele Senioren aus der Gruppe haben Angst, darin eingeklemmt und vom Zug mitgeschleift zu werden. Beim nächsten Stopp der Bahn hält der Schulungsleiter deshalb immer wieder Arm oder Bein zwischen die sich schließenden Türhälften. Ohne ihn zu berühren, schwingen sie sofort wieder auseinander. „Sie sehen: Mit der neuen Technik kann nichts passieren.“ Am Schluss geht es zum Fahrkartenautomaten, für viele aus der Gruppe der Grund, warum sie sich angemeldet haben. „Ich stehe immer doof davor und weiß nicht, wie es geht“, sagt Erwin Josephs. Ähnlich geht es Britta von Nolcken. „Aber ich sehe nicht ein, für das Lösen im Reisebüro einen höheren Preis zu bezahlen.“ Das ist auch gar nicht nötig. Nach einer halben Stunde beherrschen die meisten den Automaten sicher.
Mehrmals pro Jahr bietet das Unternehmen WestfalenBahn Schulungen für Senioren und Menschen mit eingeschränkter Mobilität an. Ziel des Konzepts „Bahnfrei 60 Plus“ ist, dass sich ältere Menschen unabhängig und selbstsicher per Zug bewegen können und die Angst vor der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel verlieren. Weitere Informationen zu den Schulungen gibt es im Internet oder unter Tel. (0521) 55 77 77 0.
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von: Anneke Quasdorf



